Kindheit und Jugend im Tal der Wupper

1820-1838

Friedrich Engels wurde am 28. November 1820 in Barmen (heute ein Stadtteil von Wuppertal) geboren. Er war das erste von neun Kindern des Unternehmers Friedrich Engels sen. und dessen Ehefrau Elisabeth, geb. van Haar. Sein Vater gab ihm den Kosenamen „Herzensstippel“.

Die junge Familie bezog im Barmer Bruch das Haus Nr. 173, die Großeltern wohnten in dem Haus, das heute als Engels-Haus bezeichnet wird. Die fünf Familienhäuser und die darum gruppierten Häuser der Arbeiter als Produktionsstätten „bilden mit den Bleichplätzen für sich beinahe eine kleine halbkreisförmige Stadt“. Hier verlebte Engels als Spross einer der reichsten Familien Barmens seine Kindheit.

Als Jugendlicher lernte er die Fabrikorganisation kennen und erhielt einen Einblick in die Geschäftstätigkeiten des Familienunternehmens, das stetig expandierte. Engels` Familie gehörte der protestantischen Konfession und einer vom Großvater gegründeten unierten Gemeinde an. Auf der Grundlage des gelebten Pietismus der älteren Generation entstand in den 1820er Jahren die von Engels später karikierte Erweckungsbewegung, die ein persönliches Glaubenserlebnis und eine am Evangelium orientierte Lebensführung forderte.


Lehrjahre in Bremen und Militärzeit in Berlin

1838-1841

Nach dem Abbruch seiner Schulausbildung 1838 wurde Friedrich Engels von seinem Vater nach Bremen geschickt. Dort absolvierte er eine zweieinhalbjährige Kaufmannslehre im Kontor (Warenlager) der Übersee-Großhandelsfirma von Konsul Heinrich Leupold in der Martinistrasse Nr. 11. Die weltoffene Hansestadt Bremen mit ihrem Hafen war ein wichtiges Zentrum des Welthandels und Abfahrtsort für die zahlreichen Auswanderer nach Amerika. Hier konzentrierte sich der Baumwollhandel in Deutschland.

Engels begann seine publizistische Karriere mit Betrachtungen zu Kultur, Gesellschaft und Politik. Im Anschluss ab­sol­vier­te Fried­rich En­gels von Herbst 1841 bis Oktober 1842 sei­nen Mi­li­tär­dienst als Ein­jäh­rig-Frei­wil­li­ger beim Gar­de-Fu­ßar­til­le­rie-Re­gi­ment in Ber­lin. So hätte er theoretisch auch ohne Abitur studieren können. Seinen Auf­ent­halt in Berlin nutz­te er, um Vorlesungen an der Kö­nig­li­chen Fried­rich-Wil­helms-Uni­ver­si­tät zu besuchen.

Während der Lehr- und Militärjahre änderte sich sein Denken radikal, zunehmend lehnte er christliche Frömmigkeit und den monarchischen preußischen Staat ab.


„Shock- city“ Manchester

1842-1844

Nach seiner Militärzeit in Berlin nahm Friedrich Engels wieder eine Tätigkeit für das Familienunternehmen auf. Von Dezember 1842 bis August 1844 arbeitete er als „General Assistant“ bei Ermen & Engels in Manchester. Engels fühlte sich in Manchester, einer Industriestadt mit 350.000 Einwohnern, „in eine ganz neue Welt versetzt“.

Manchester war das Zentrum des industriellen Lancashire. Rauchende Fabrikschlote, Schmutz, Lärm, Gestank und die Zustände in den bis zu siebenstöckigen Fabrikgebäuden, in denen in Schichten von 12 bis 16 Stunden gearbeitet wurde, machten die Stadt zur Shock-City des 19. Jahrhunderts. Von 1787 bis 1841 stieg die Zahl der baumwollverarbeitenden Fabriken hier von 44 auf 1.105 an. 1782 errichtete Richard Arkwright die erste Baumwollfabrik in der Stadt. Ab 1790 wurden Dampfmaschinen eingesetzt. Kanäle und die 1830 eröffnete Eisenbahnlinie Liverpool-Manchester versorgten diese mit Kohle aus den naheliegenden Bergbauregionen und verbanden Manchester mit dem für den Im- und Export wichtigen Hafen Liverpools. Von der rasanten Industrialisierung zeugten auch viele Kattundruckereien und das Viertel der „Warehouses“, in denen Halbfertigwaren weiterverarbeitet wurden.


Unruhige Zeiten

1844-1848

Mit der Julirevolution 1830 in Frankreich erhielt die liberale und demokratische Bewegung in Europa Aufschwung. 1848 mündeten wachsende Spannungen zwischen fortschrittlichen und restaurativen Kräften in vielen Staaten in eine Revolution.

Nach seiner Rückkehr aus Manchester lebte Friedrich Engels als Publizist und Agitator von April 1845 bis August 1846 in Brüssel und bis Januar 1848 in Paris. Sein Unterhalt war durch Honorare und Geldzuwendungen seiner Familie gesichert.

In Brüssel und Paris entstanden deutsche „frühsozialistische“ Exilgemeinden. Intellektuelle, Freigeister, Literaten, vor der deutschen Zensur geflüchtet, emigrierte Handwerker und Arbeiter sammelten sich hier ebenso wie politische Flüchtlinge aus ganz Europa. In Paris gab es 1845 keine Meldepflicht, Belgien hatte die liberalste Verfassung Europas.

Engels und Karl Marx forcierten 1846 den Aufbau eines Netzwerks der revolutionären Bewegungen Europas durch Kommunistische Korrespondenzkomitees. Mitte 1847 traten sie dem Bund der Kommunisten bei, der aus dem 1836 von Handwerksgesellen gebildeten Bund der Gerechten hervorging. In Brüssel entstand im August 1847 mit Hilfe von Marx und Engels ein Deutscher Arbeiterverein.


Der revolutionäre Engels

1848/49

In Köln kam es seit Mitte September 1848 zu Massenprotesten gegen den von der Nationalversammlung akzeptierten Waffenstillstand mit Dänemark. Gegen Engels erging ein Haftbefehl als Mitorganisator der Proteste. Er floh über Brüssel und Paris nach Bern. Am 23. oder 24. Januar 1849 kehrte er nach Köln zurück.

Die Frankfurter Reichsverfassung vom 28. März 1849, die einen deutschen Nationalstaat verwirklichen sollte, wurde von Preußen und anderen Staaten abgelehnt. Es kam zu diversen Aufständen, mit denen die Annahme der Reichsverfassung erzwungen werden sollte; in der Rheinprovinz v.a. in Düsseldorf, Solingen und Elberfeld. Nach einem ersten Militäreinsatz in Elberfeld am 9. Mai kam Engels am 11. Mai dorthin. Der Sicherheitsausschuss betraute ihn in Erwartung eines neuen Militäreinsatzes mit der Leitung des Barrikadenausbaus. Wegen des aufkommenden Verdachts, Engels strebe eine „rote Republik“ an, forderte der Sicherheitsausschuss ihn am 14. Mai auf, die Stadt umgehend zu verlassen.

Mitte Juni 1849 schloss Engels sich der badisch-pfälzischen Revolutionsarmee an. Er diente im Freikorps von August Willich als dessen Adjutant und nahm an mehreren Schlachten teil. Nach der Niederlage gegen die preußischen und Reichstruppen setzte sich das Freikorps Willich als letzte Einheit der Revolutionsarmee am 12. Juli in die Schweiz ab und wurde im Kanton Waadt interniert. Engels reiste mit Genehmigung der Schweizer Behörden nach London aus. Da der Weg über Frankreich zu riskant gewesen wäre, fuhr er nach Genua und von dort per Schiff nach London (6. Oktober bis 12. November 1849).


Engels in Cottonopolis

1850-1869

Als Friedrich Engels 1850 in Manchester erneut ins väterliche Unternehmen eintrat, war die baumwollverarbeitende Industrie in Lancashire auf ihrem Höhepunkt. Über 2.000 Spinnereien mit 21,5 Mio. Spindeln und 300.000 dampfbetriebene Webstühle waren im Einsatz. 2,2 Mio. Tonnen Rohbaumwolle wurden jährlich verarbeitet. Friedrich Engels vertrat bei der Firma Ermen & Engels die Familieninteressen. Das Unternehmen war auf die Produktion von reißfestem „Diamond Thread“ zum Maschinennähen und für die Strumpffabrikation spezialisiert. 

Engels schrieb ab 1851 in Marx´ Namen ca. 170 Artikel für die New York Tribune, vorwiegend über militärische Konflikte in Europa. Er versorgte Marx mit Informationen zu komplexen ökonomischen Fragen. Ihre Korrespondenz umfasste in den Manchester-Jahren über 1.000 Briefe. 1857/58 schrieb Marx seinen ersten Entwurf zu einer Kritik der politischen Ökonomie. Engels drängte Marx immer wieder, sein ökonomisches Werk endlich fertigzustellen. Nach langer Vorarbeit legte Marx 1867 mit Das Kapital den ersten Bandeiner umfassenden Theorie der „kapitalistischen Produktionsweise“ vor. Marx begriff als Kern der kapitalistischen Produktionsweise die Ausbeutung der Lohnarbeiter durch die Kapitalisten (als Besitzer der Produktionsmittel), indem sie sich den von den Arbeitern produzierten sogenannten Mehrwert aneignen.

In zwei Welten zu leben, als Cotton Lord und gleichzeitig als „revolutionärer Publizist“, war anstrengend. Die hohe Arbeitsbelastung führte 1857 zu langer Krankheit und depressiven Zuständen. Durch geschickte Investition und Spekulation in Aktien - „meist Gas Actien, dann Waterworks- & Eisenbahn Actien“ - war er schließlich vermögend genug, um 1869 aus der Firma auszuscheiden.


Engels in London

1870-1895

1870 zog Friedrich Engels nach London, wo Karl Marx mit seiner Familie lebte. London war das Zentrum des kolonialen Welthandels und der britischen Finanzwirtschaft. Engels wohnte nun offen mit der irischen Arbeiterin Lizzie Burns, die er 1878 auf ihrem Totenbett heiratete, im teuren Bezirk Primrose Hill in der Regent´s Park Road 122 zusammen.

Engels pflegte politische Freundschaften und Briefkontakte in ganz Europa. Frei von Erwerbsarbeit, hatte der in vielen Sprachen korrespondierende Sekretär der Internationalen Arbeiterassoziation nun Zeit für politische Aktivitäten und Diskussionen. Nach Marx´ Tod 1883 stellte er eigene Projekte wie eine Geschichte Irlands zurück. Er fühlte sich verpflichtet, das Kapital fertigzustellen, hatte aber zu Marx` Lebzeiten wenig über den Stand der Arbeiten erfahren und wusste nicht, was ihn erwartete. Rund 1.700 Manuskriptseiten aus dem Nachlass waren zu entziffern. Bereits 1885 konnte er den zweiten Band herausgeben. Die Edition von Band 3 gelang erst im Dezember 1894. Besonders Engels´ Anti-Dühring verhalf der Theorie von Marx zu größerer Verbreitung und Anerkennung.

Unter dem Einfluss von Marx und Engels wollte die Sozialdemokratische Arbeiterpartei mit Gewerkschaften und Arbeitskämpfen soziale und wirtschaftliche Verbesserungen durchsetzen. Sie bekannte sich als erste Partei zu der von Marx und Engels maßgeblich geleiteten Internationalen Arbeiterassoziation, auch bekannt als „Erste Internationale“. Bis in die 1890er Jahre war Engels´ Haus in der Regent´s Park Road besonders am Sonntag Treffpunkt des internationalen Sozialismus mit Besuchern wie August Bebel, Eduard Bernstein oder Paul Lafargue, jedoch nur wenigen Engländern.

Friedrich Engels starb am 5. August 1895 an Speiseröhren- und Kehlkopfkrebs. Am 27. September wurde seine Asche bei Eastbourne im Beisein von Eleanor Marx, Edward Aveling, Eduard Bernstein und Friedrich Leßner im Meer verstreut.


Autoren:

Lars Bluma, Thorsten Dette, Heike Ising-Alms

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